Leseprobe: Leidenslust

- Bitch Slap -

Das Klatschen ist laut, lauter als erwartet. Ich zucke zusammen, fast noch mehr, als Susanne selbst. Kurz fliegt ihr Kopf zur Seite, verliert sie die Fassung, dann aber ist ihr Gesicht auch bereits wieder da. Direkt vor mir, im binokularen Blickfeld, und starrt mich aus weit aufgerissenen Augen heraus wortlos an.

Eine Mischung aus Erschrecken, Trotz und einer weiteren Empfindung steht jetzo in ihrem süßen Antlitz geschrieben. Einer Empfindung, welche ich im Moment ersten Bebens nicht gleich zu deuten vermag. Dann aber, meine Gefühle wallen immer noch, erkenne ich endlich, was sich da im Mienenspiel meiner Freundin verbirgt: Erlösung.

Spuren blieben damals keine, von dieser heute bereits ein paar Monate zurückliegenden Züchtigung. Der ersten Züchtigung jemals, um genau zu sein. Zu zaghaft, ja fast schon zärtlich, war hierfür die Berührung der Wange mit offener Hand. Im Moment aber, da der Schall der Backpfeife beinahe noch in der stickigen Luft unseres Wohnzimmers zu hängen und mich von dort herab geradezu anzuklagen schien, da erschrak ich fürchterlich, über mich selbst.

Ein Kerl der seine Frau schlägt, das wollte ich niemals sein. Frauen schlägt man nicht, lernt unsereins schließlich schon von Kindesbeinen an. Aber das hier ist was Anderes. Muss es doch sein. Oder rede ich mir dies nur im Verzweifelten Versuch des Selbstbetruges gerade selber ein?

Nein, denn schließlich war sie es doch - die von mir abgöttisch Geliebte - welche mit gesenktem Haupt flehentlich um mehr Strenge bat. Welche mich bekniete, ihr in der Beziehung Grenzen zu setzen und endlich durchzugreifen, sollte mir etwas an ihrem Betragen nicht recht gefallen.

Sie war es auch, welche mir zu verstehen gab, meine Dominanz wäre eine Art Korsage. Eine Hilfe im Leben sozusagen, welche ihr bei Zeiten Sicherheit und schützenden Schild vor Selbstzweifeln und Kontrollverlust bot. Eine Art Leine somit, an welcher ich sie führte und ihr hierdurch Freiheit so wie Disziplin schenkte, wollte mir dies damals auch nicht ganz in den Kopf.

Unverschämt, das war Susanne seit jener Bitte mit jeder Stunde unseres Beisammenseins ein kleines Bisschen mehr geworden. Sie hatte mich gereizt, mir zwanghaft widersprochen und mich geradezu gerädert mit ihrer Besserwisserei, stets auf der Suche nach ein Bisschen Halt. Dass es irgendwann knallen würde, hatte ich nicht erwartet, sie hingegen erhofft.

„Entschuldigung“, kommt es Sekunden nach der Klatsche brüchig und dünn über Susannes Lippen. Alsbald gefolgt von einem aufrichtigen, schier zärtlichen:“Danke Herr“. Dass sie den Übergriff nicht als solchen empfindet, sondern meine ausgerutschte Hand als weiteren Schritt aufeinander zu, dass erklärt sie dem ihr verdutzt gegenübersitzenden Schatz gleich danach, ich bin verwirrt.

„Dann reiß dich von nun an gefälligst zusammen!“, stammele ich denn also ziemlich unbeholfen in dem Versuch, mir meine Überforderung mit just Erlebtem nach Möglichkeit nicht anmerken zu lassen. Aber wir bemerken sie beide, die Verunsicherung da tief in mir, dafür kennt meine Partnerin mich einfach zu gut.

Ich nicke, als Susanne mich später am Abend fragt, ob bei mir alles in Ordnung sei. Emotional immer noch reichlich durch den Wind, gefangen zwischen gesellschaftlichen Tabus, antrainierter Kinderstube und dem eigenen, ungezügelten Sein. Auf seltsame Weise allerdings mittlerweile auch erregt und angetan ob der Hingabe und damit einhergehenden Macht, welche mir entgegengebracht wird.

Es dauerte damals kaum drei Tage, da war Susanne bereits wieder verbal oben auf und frech wie Dreck. Topping from the Bottom at its Best und Hilferuf zugleich. Ich aber, verlor die Kontrolle seit jenem unvergesslichen Moment niemals wieder.

Von da an, war es allein ich, welcher in unserer Beziehung über Zeitpunkt und Art von Züchtigungen und entschied. So soll es wohl auch sein, schließlich ist Susanne ja meine und ich bin nicht ihre Bitch.

 

-  Piggy -

Auf der Stralauer Allee, der Bundesstraße 96a entlang des Spreeufers in Berlins Stadtteil Friedrichshain, herrscht reger Betrieb. Selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit, es ist gerade einmal drei Uhr in der Frühe eines x-beliebigen Mittwochs im Herzen der Hauptstadt, wird mein schwarzer Mustang aktuellen Baujahres hier unterwegs beidseitig von zahlreichen Fahrzeugen passiert.

Im Inneren dieser vorbeihuschenden Kraftfahrzeuge, sitzen ganz normale Menschen. Gehetzt, feiernd, manche dem Sekundenschlaf bedenklich nah, tauchen ihre Gesichter für den Bruchteil einer Sekunde aus dem uns umgebenden Dunkel, nur um gleich darauf ebenso schnell wieder auf nimmer Wiedersehen darin zu verschwinden.

Jedes Antlitz eine Geschichte, eine Herkunft, eine Richtung und ein Ziel. Sorgsam von der Anonymität der Masse geschluckt und doch plötzlich im Fokus meines Blickes. Ein Augenzwinkern lang Star, wie in einer Art imaginären Scheinwerferlichts meines ganz eigenen Filmes genannt „Leben“ gefangen.

Dem Mann mit der Schweinemaske und dem Nietenhalsband jedoch, im Fond so eben erwähnten Fahrzeugs amerikanischer Herkunft hinter teilgetönten Scheiben, schenkt im Gegenzug keiner von ihnen Beachtung. Keine überraschend aufgerissenen Augen, keine vor Unglauben aufklappenden Münder, nichts.

„Gott sei Dank!“, schießt es mir - emotional gerade irgendwo zwischen Scham, Vorfreude und Angst gefangen - durch den Kopf, kurz bevor wir endlich abbiegen und den kleinen Parkplatz des nhow Musikhotels Ecke Ehrenbergstraße ansteuern. Auch mir liegt schließlich viel an just erwähnter Anonymität, denn der nackt auf den dunklen Ledersitzen des Amischlittens kauernde, durch die Sehschlitze der Latexmaske nervös in die Berliner Nacht hinaus starrende Mann, das bin ich.

„So Schweinchen, alles aussteigen!“, höhnt die Stimme der Fahrerin, kaum ist..

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