Leseprobe: Mit Sack und Rute

- Alles muss raus -

 

Der Supermarkt ist leer, geradezu verlassen, aber mir macht das nichts aus. Ganz im Gegenteil: die Atmosphäre entspannt mich, denn morgens um sechs gibt es keine Schlangen an den Kassen, keinen Hindernislauf zwischen Regalen, Kunden, Einkaufswagen und - noch viel schlimmer - Kinderwagen, welche gerade im „jungen Szene-Kiez Friedrichshain“ mittlerweile längst zur allgegenwärtigen Plage geworden sind.

 

Rücksichtslos. Pazerkommandanten gleich, steuern selbstbewusste Mamis, in noch nicht wieder so ganz perfekt sitzender Pre-Schwangerschafts-Kleidung, schiere Ungetüme embryonaler Fortbewegung in die Schlacht auf unseren Gehwegen. Erwarten stets freie Bahn und nehmen sie sich auch, wenn nicht freiwillig dargeboten, dann eben mit störrischer Gewalt.

 

Schon der Blick, dieses:“Hach bin ich ein wichtiges Glied der Menschheitsgeschichte, ich erhalte schließlich die Rasse“, verursacht in mir unterschwellige, aber rasende Aggression. Diesen Drang danach, meinen Platz als die herrschende Generation irgendwie zu verteidigen, denn eines ist klar: mit jedem weiteren dieser kleinen Furzkissen gehören „Wir“ etwas mehr zum alten Eisen, dessen bin ich mir wohl bewusst!

 

Was uns bleibt, den kinderlosen Mittdreißigern, welche man längst aus allen angesagten Klubs vertrieben und von jeder auch nur annähernd exzessiv zu nennenden Party ausgeladen hat, sind die wenigen Stunden zwischen Tag und Nacht. Uns bleiben die rauchigen Hinterzimmer. Die Dunkelheit, wenn die Straße noch den unseren gehört, den Rumtreibern und Säufern, den Parksitzern und Wochentags-Spätvorstellungs-Freaks.

 

„Dreizehn bitte vierundzwanzig, dreizehn bitte vierundzwanzig, danke!“, schallt es plötzlich durch die Gänge. Eine Stimme aus dem Off, die blechern klingt und kraftlos in den leeren Gängen widerhallt, reißt mich aus meinen Gedanken.

 

Zielstrebig steuere ich also auf das Kühlregal im hinteren Bereich der Kaufhalle zu. Schön frisch muss alles sein, schließlich wird es erst gebraucht, kommt meine Freundin später von der Arbeit heim. So gegen vier oder fünf Uhr nachmittags, genau weiß man das nie.

 

Angekommen, ziehe ich einen kleinen, bekritzelten Zettel aus der rechten Gesäßtasche meiner Jeans. Nicht, dass ich ihn wirklich bräuchte, aber manchmal lässt mein Gedächtnis mich erstaunlicherweise bereits im Stich. Herrschende Generation am Arsch, schon klar.

 

Dreißig Rohrstockhiebe für Innenschenkel, Fußsohlen und Gesäß. Eine Stiege Atemreduktion, zwei Mal streng in Ketten legen, einen Viererpack Edging extrem deluxe, schnell füllt sich der Einkaufswagen. Gierig schaufele ich alles ohne den leisesten Hauch von Zurückhaltung oder Scham hinein.

 

Nur verbale Demütigung, ein Steckenpferd von mir, ist leider aus. Nehme ich eben erniedrigende Haltungen, gibt es hier schließlich einen Dominakuss samt Anspucken gratis dazu, da kann ich nicht widerstehen.

 

Ich liebe sie, diese Aktionen, dieses „Alles muss raus“. Es verleitet so leicht dazu, auch mal Neues auszuprobieren, was damals - mit den zwölf Ballbustings zum Preis von Vieren - allerdings auch mal sehr nach hinten losgegangen ist. Allzu schnell machen die Augen Verträge, die Sklavenkörper anschließend nicht halten kann.

 

In der Obstabteilung gönne ich mir gerade 500 Gramm Kopfnüsse und zwei Dutzend schallende Ohrfeigen, als plötzlich Rammstein durch den Markt wüten, in ohrenbetäubender Lautstärke und Intensität. Es braucht einige Sekunden, bis ich begreife, dass ich im Bett liege und gerade beim Klang des Weckers erwache, derart gefesselt bin ich von meinem süßen Traum.

 

„Wenn das Leben mal so einfach wäre“, denke ich mit leichtem Bedauern, während ich meiner Freundin einen Kuss auf die Stirn drücke und mich anschließend aus der gemeinsamen Koje schwinge.

 

Kaffee kochen, Brote schmieren, Zeitung reinholen. So sieht der Sklavenalltag eben in Wirklichkeit aus, abseits der Traumwelt. Dafür gibt es allerdings auch manchmal etwas gratis aus dem „Supermarkt meiner Träume“. Zugegeben, nicht zwangsläufig das, was ich vielleicht gerade will. Aber alles, muss eben irgendwann mal raus.

 

 

- Adventsspaziergang -

 

 

Es war ein kalter Dezembermorgen, als der auf seltsame Art deplatziert wirkende, tiefschwarze BMW langsam auf den leeren Parkplatz des Supermarktes einbog.

 

Im Inneren des Wagens saßen zwei Personen, ein bulliger Mann und eine zierliche Frau, welche den Fahrer aus weit geöffneten Augen dauerhaft fixierte.

 

Alles um sie herum wirkte ganz friedlich, dennoch aber schien die Beifahrerin derart nervös zu sein, dass sie ununterbrochen unruhig auf dem beheizten Ledersitz hin und her rutschte.

 

Der Motor heulte kurz auf, als der Wagen die kleine Rampe zur oberen Ebene erklomm, verstummte dann aber bereits, während der Fahrer das Fahrzeug noch routiniert auf eine der Parklücken unweit des Haupteinganges zusteuerte.

 

Mit einem Male war es derart still, dass man den Schnee unter den ausrollenden Reifen knirschen hören konnte, jedenfalls, bis die Bremslichter kurz aufflackerten und auch dieses Geräusch schlagartig erstarb.

 

„So, da sind wir also meine Süße“ sagte der Mann plötzlich, nachdem sie einen Augenblick schweigend im dunklen PKW beisammen gesessen hatten, und schien sehr bemüht, neben der deutlich in seiner Stimme mitklingenden Vorfreude zudem eine gehörige Portion Liebe und Geborgenheit in seine Worte zu legen.

 

Nicht, dass ihm dies besonders schwer gefallen wäre, war aus oberflächlichem Interesse und gelegentlichen Spielereien in den letzten Monaten doch längst mehr als bloße Zuneigung geworden.

 

Ja, er liebte diese Frau und wusste, dass sie es im Moment nötiger denn je brauchte, diese Liebe auch zu spüren. Sie brauchte jetzt Sicherheit und ein Gefühl der Geborgenheit, mehr als alles andere, denn nur so konnte sie das erforderliche Vertrauen gewinnen, auch wirklich umzusetzen, was sie beide bereits viele Male in der Fantasie zusammen durchgespielt hatten.

 

Schüchtern, beinahe scheu sah sie ihn nun an und versuchte, ein Lächeln auf ihre blutrot geschminkten Lippen zu zaubern. Ein Vorhaben, welches ihr für einen Sekundenbruchteil auch gelang, bevor ihr Blick wie von selbst begann, rastlos durch das Wageninnere zu streifen.

 

„Wie schön sie ist, wie zart und verletzlich“ dachte er währenddessen, fast schon mitleidig, erwiderte ihr Lächeln und berührte sanft ihr Kinn, um sie so dazu zu bringen, in seine Augen und wirklich nur in diese zu schauen.

 

Die Frau hingegen zuckte ob der unerwarteten Berührung fast unmerklich zusammen, fing sich aber sofort und erwiderte seinen Blick, krampfhaft darum bemüht, voll Zuversicht und irgendwie tapfer zu wirken.

 

„Schatz, ich liebe dich und du weißt, dass ich auf dich aufpassen werde, richtig?“ sagte er ganz sanft, den Blick keine Sekunde von ihr nehmend.

 

Sie schluckte. Für einen Moment sah es aus, als wolle sie etwas erwidern, aber ihre Lippen blieben geschlossen und er konnte bald sehen, wie sich etwas Tränenflüssigkeit in ihren Augen sammelte und diese zu leuchten begannen....

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