Leseprobe: Versklavt

- Prolog -

 

 

Ich muss sie warnen, vor dem was sie in Händen halten, und auch wenn sie es mir nicht glauben mögen, vor ihnen selbst. Vorsicht ist geboten, denn dieses Buch hat mir alles genommen. Es ist wie ein Virus, ein Geschwür, eine Melodie welche sich, nur einmal gehört, in den Gehörgängen festsetzt und einen einfach nicht mehr los lässt.

 

Es ist ein Gedanke, eine Frage, ein „wieso eigentlich nicht“, scheinbar harmlos fängt es an, doch nur selten überschauen wir im Leben bereits zu Anfang wohin uns unser Handeln führen, wo es enden, und was es uns letztlich vielleicht kosten mag.

 

Der Mensch ist neugierig, will immer weiter, immer mehr, und es ist genau dieses Streben, dieser innere Antrieb, welcher uns sowohl die schönen Künste, die Fähigkeit tödliche Krankheiten zu heilen, als auch die Atombombe beschert hat.

Die in diesem Buch enthaltenen Aufzeichnungen sind alt, viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Ich fand sie als lose Blättersammlung, in fast unleserlicher Handschrift verfasst, in einem kleinen Gasthaus dessen Namen ich genau so wenig preisgeben werde, wie den Namen des Dorfes von dem es handelt. Die fraglichen Textstellen, welche Aufschluss über seine Lage gaben, habe ich aus dem Originaltext entfernt und bereits vernichtet. Ich will es beschützen, im Verborgenen lassen, denn wenn sie diese Zeilen lesen, bin ich bereits auf dem Wege dorthin, und sollte es noch existieren, so führt mich kein Weg zurück.

 

Es würde sie wohl erstaunen, was man nicht alles im Internet versteigern kann, denn seit ich mir vor drei Monaten eingestand, das ich keine Wahl habe als mich meinen Dämonen zu stellen, ist mir außer Flugtickets und Bargeld nur noch das geblieben, was ich am Körper trage. Meinen Beruf, meine Familie, meine Freunde, selbst meine Frau habe ich geopfert, aber hatte ich denn eine Wahl?

 

Türen sind bei genauerer Betrachtung nur verschlossene Löcher in der Wand die einen umgibt, doch noch mehr als eine verschlossene Türe treibt uns das um, was wohl dahinter liegen mag. Das was wir nicht kennen, was wir nicht haben, ist stets reizvoller, denn nichts im Leben ist so unstillbar wie die Neugierde.

 

Dieses Buch öffnet Türen, Türen die vielleicht besser geschlossen blieben und welche, einmal geöffnet, nicht wieder zu schließen sind. Unmöglich zu vergessen, was man einmal gelesen, unsinnig jeder Versuch zu verdrängen, so unsinnig wie es wäre seinen eigenen Namen vergessen zu wollen.  

 

Ich habe mich oft gefragt, ob es Zufall war, das ich es an jenem Abend vor über zwei Jahren in einem mit Lehm versiegelten Mauerspalt hinter dem massiven Bett in Zimmer 14 jener nicht näher zu benennenden Herberge gefunden habe, oder ob es einen Grund dafür gibt, das mein Leben an diesem Tag in eine andere Richtung gelenkt wurde. Fand ich es nur, weil mir nach reichlichem Alkoholgenuss meine Brille aus der Hand und hinter eben jenes Directoire-Bett gefallen war, welches ich nur unter Aufwendung all meiner Kräfte hatte von der Wand schieben können, oder hat nicht viel mehr das Buch mich gefunden?

 

Entscheidungen, Kreuzungen, Abzweigungen, nur ein Schritt liegt zwischen Gut und Böse, der erste, der Rest ist nur eine Frage der Zeit. Die Entscheidungen, welchen Weg wir gehen, treffen wir im Hier und Jetzt, jeden einzelnen Tag. Je weiter sich jedoch dieses Jetzt mit der Zeit von uns entfernt, zu Vergangenheit wird, je weiter entfernen auch wir uns von dem Ort, an dem wir im Falle anders getroffener Entscheidungen stehen könnten.

 

Eine Entscheidung, eine Sekunde, nur ein Sprung durchs Fenster machte aus der angesehenen Journalistin die Anführerin der so genannten Baader-Meinhof-Bande, aber entspricht eine solche Sicht der Dinge wirklich der Wahrheit?

 

Spiegelt sich in unseren Entscheidungen nicht vielmehr nur das wieder, was wirklich in uns steckt? Entscheiden wir in diesen, als ach so entscheidend empfundenen Momenten wirklich, oder tritt nur nach außen, was tief in uns bereits längst entschieden war?

 

Ich mache mich jetzt auf den Weg, wohl wissend, dass am Ende meiner Reise nur absolute Enttäuschung oder Erfüllung stehen kann, aber war es wirklich meine Entscheidung diesen Weg zu gehen?

 

Ich kann diese Frage nicht mit Gewissheit beantworten, und doch glaube ich, dass dieses Buch, auch wenn es mein Leben verändert hat, mich nicht zu dem gemacht hat, was ich heute glaube zu sein.

 

Ohne die bereits in mir vorhandene Sehnsucht nach Unterwerfung, nach Erfüllung,  hätte ich es wahrscheinlich beiseite gelegt und vergessen, aber so war es der entscheidende Faktor, der Tropfen der das Fass zum Überlaufen bringt. Ursprünglich wollte ich das gefundene Manuskript vor meiner Abreise verbrennen, und wenn schon nicht vernichten, so doch wenigstens wieder dort verbergen, wo ich es gefunden habe, aber da sie es nun in Händen halten wissen sie ja, dass ich mich dagegen entschieden habe.

 

Dies hier ist kein Buch des Bösen, kein Aufruf zu Gewalt und Unzucht, es ist viel mehr ein Katalysator für die Seele. Es weckt, was in uns steckt, unsere Begierden, Lüste, Gelüste und das was wir als unsere dunkle Seite betrachten und nur allzu gerne beiseite schieben.

 

Was der Verfasser erlebt und erlitten hat, mögen manche als lächerlich, abartig oder gar krank empfinden, aber seien sie versichert, dass er es aus freiem Willen erduldet und zu großen Teilen genossen hat. Er hat seinen Weg, seine Bestimmung gefunden, und ich weiß, dass er uns eben dies mit seinen Aufzeichnungen mitteilen wollte. Er wollte uns gewahr machen, wie entscheidend, wie existenziell ein Augenblick sein kann, und wie wichtig es ist den Mut zu haben, diese Entscheidungen für uns selber zu treffen.

 

Ich lege seine Worte in ihre Hände, nach bestem Wissen und Gewissen. Geben sie ihnen eine Chance, machen sie für sich daraus was sie wollen, oder was sie angesichts dessen was in ihnen steckt daraus machen können. Stellen sie sich ihren Dämonen!

 

 

Ergebenst Ihr

 

Tim Sodermanns

 

 

 

 

- Die Aufzeichnungen des Francis Drayke -

 

 

Zweiundsiebzig Stunden Bedenkzeit, drei Tage und drei Nächte für den Rest meines Lebens, klingt das irgendwie fair? Wie lange braucht es sich endgültig zu entscheiden, welches Schicksal man sich selber erwählt? Wie lange um sich gewahr zu werden, was man für sich selber will bzw. ob man willens ist sein Leben künftig nur danach auszurichten, was jemand anderes will? Nicht für einen Tag, eine Stunde, einen Augenblick, nein, für immer, bis ans Ende aller Tage.

 

Oh, entschuldigen sie, ich habe mich nicht vorgestellt, mein Name ist Francis Drake, und die Frage, über welche ich mir gerade den Kopf zerbreche, ist eigentlich gar keine mehr, denn es wurde bereits entschieden. Besagte zweiundsiebzig Stunden sind alles, was sie mir gegeben hat, unsinnig sich zu fragen, ob die verlangte Entscheidung so schnell zu treffen ist oder nicht, sie muss getroffen werden, auf die eine oder andere Weise.

 

Durch die dicke, Metall beschlagene Holztüre meiner Kammer dringt von Zeit zu Zeit gedämpfter Lärm aus der Schankstube der Herberge, in welche sie mich geschickt hat, an mein Ohr. Nur ganz leise, kaum wahrzunehmen, und dennoch erschrecke ich über das Stimmengewirr und die Lautstärke, in der dort unten gezecht, gestritten und dem Alkohol und Würfelspiel gefrönt wird. Es reißt mich aus meinen Gedanken, verwirrt mich, denn ich bin es nicht mehr gewohnt.

 

Nein, ich weiß was sie denken, aber früher war ich einer von ihnen, nun wirklich kein Heiliger, ganz im Gegenteil. So manche Nacht verbrachte ich am Würfeltisch oder in Gesellschaft gleich mehrerer Damen. Jener Art Damen freilich, welche nur allzu gerne bereit waren mir die reichlich spendierten Drinks mit ihrer Gesellschaft, und wenn ich bereit war, mich für ihre Dienste finanziell erkenntlich zu zeigen, darüber hinaus auch mit Liebesdiensten jeglicher Art zu vergelten.

 

Ich war ein Lebemann, ich konnte es mir erlauben, der frühe Tod meiner Eltern hatte mir schon in jungen Jahren Zugriff auf ein beträchtliches Vermögen ermöglicht.

 

Meine Eltern freilich, hätten einen solchen Lebenswandel niemals gestattet, aber was nutzen Ersparnisse, tugendhaftes Leben und der all sonntägliche Kniefall in der Kirche, was nutzen alle Entsagungen eines kargen, freudlosen Lebens, wenn des Nachts ein Gasleck einen halben Häuserblock in Schutt und Asche legt?

 

Nach dem Gutenacht-Gebet direkt ins Bett, und nie wieder erwacht. Ich habe die verkohlten Überreste der Explosion gesehen, ich musste es um ihren Tod glauben, ihn tief in mir akzeptieren, ihn einigermaßen begreifen zu können, denn ich war als es geschah natürlich nicht dabei. In den frühen Morgenstunden kehrte ich damals in unsere Straße zurück und fand mein Geburtshaus in Trümmern liegen, jenes Haus, aus dessen Fenster im 1. Stock ich mich nur Stunden zuvor heimlich in die Nacht davon gestohlen hatte. Ich war damals 17, noch nicht mündig, so brachte man mich bei einem Onkel mütterlicherseits unter, und ich hasste jede einzelne Sekunde, die ich dort verbrachte.

 

Nicht, dass ich undankbar wäre, aber ich wurde wie ein kleiner Junge behandelt, und fühlte mich angesichts des erlebten oder vielmehr erlittenen Schicksals bereits als Mann. Keiner sollte mir vorschreiben was ich zu tun und lassen hatte, und so verließ ich an meinem 21. Geburtstag jenes Haus, in dem ich nie wirklich ein zu Hause gefunden hatte, und machte mich auf den Weg die Welt zu erkunden.

 

Die Welt, das waren für mich damals die großen Metropolen, Paris, London, Berlin, in deren süßer Anonymität ich mich verkriechen, und somit zugleich vor mir selber davonlaufen konnte. Es gab kein Ziel, keinen Plan, kein Übermorgen sondern nur die Gegenwart, und dachte ich wirklich einmal an Morgen, dann höchstens bei dem Gedanken daran, ob ich noch Rasten, oder gleich in den neuen Tag hinein trinken und die Nacht vollends zum Tage machen sollte.

 

Ich ertrank langsam in einem Meer aus Alkohol. Jeder Drink, jedes Glas spülte ein Stück von mir selber hinfort, und alles Feiern, alle Lüste, alle leichten Mädchen dieser Welt waren nicht genug, um die Leere tief in mir zu füllen, die Leere eines vertanen, bedeutungslosen Lebens.

 

Dem Leben einen Sinn geben, ist dies nicht, wonach wir alle trachten? Erfüllung finden, sich ganz seiner Bestimmung zu verschreiben, ist es unterm Strich nicht das, was wirklich zählt?

 

Zweiundsiebzig Stunden bleiben mir darüber zu entscheiden, ob ich meinen Sinn, meine ganz persönliche Erfüllung in jenem kleinen Dorf nicht unweit von hier gefunden habe.

 

Falsch, nicht mal mehr diese Stunden bleiben mir, mittlerweile sind es noch einige weniger, denn ich habe in diesem Zimmer bereits Zeit mit Grübeln, aus dem kleinen schmutzigen Fenster in die völlige Dunkelheit starren, und mit nervösem auf und ab laufen vergeudet.

 

Ich habe mich verproviantiert, die Türe von innen verschlossen, und hoffe innigst es verbleibt mir wenigstens noch genügend Zeit ihnen meine Geschichte zu berichten, sie an meinen Erlebnissen teilhaben lassen zu können. Der Umstand, dass sie diese Zeilen nun lesen, bedeutet das ich mich entschieden habe, meinem Leben besagten Sinn zu geben.

 

Er bedeutet, dass ich diese meine Aufzeichnungen nicht zerrissen sondern mich dazu entschlossen habe, der Nachwelt jene Geschehnisse nicht vorzuenthalten, welche mich auf diese Art und Weise entscheiden ließen.

 

Ich hoffe innigst, dass es die Richtige war, und ehrlich gesagt kümmert es mich wenig was sie von meinen Entscheidungen, von meiner Art zu leben halten. Nur um eines möchte ich sie noch bitten, richten sie nicht über mich, zumindest nicht bevor sie die ganze Geschichte kennen. Danach obliegt es dann ihnen, mein unbekannter Freund, wie sie mit diesen paar beschriebenen Blättern verfahren.

 

Diesen paar Blättern, welche mein Leben beinhalten, oder zumindest jenen Teil, welcher mir als berichtenswert erschien.

 

 

 

 

- Mein letzter Drink -

 

 

Im Grunde hätte mein letzter Drink natürlich Wodka sein müssen, denn seien wir ehrlich, wer denkt bei Russland schon an Scotch?

 

Russland, klirrende Kälte, von Schnee bedeckte Tundra, Land der Zaren, daran denken wir, wenn wir an Russland denken, und eben an das russische Nationalgetränk, so wie wir etwa Wein mit Frankreich und Bier mit Deutschland verbinden.

 

Ich mag aber keinen Wodka, und so hielt ich ein nicht mehr ganz gefülltes Glas Scotch on the rocks in der Hand, während ich, wieder einmal sturzbetrunken, versuchte den Weg vom prunkvoll ausgestatteten Salonwagen zurück in mein nicht weniger prunkvolles Schlafabteil zu finden.

 

Sicher, es scheint schwer sich in einem Zug zu verlaufen, schließlich kann man sich im Grunde nur in zwei Richtungen fortbewegen, nämlich in Richtung Lok oder zurück zum Zugende, aber es ist alles eine Frage des Alkoholpegels, und meiner war in jener Nacht, wie bereits erwähnt, mehr als beträchtlich.

 

Stunde um Stunde hatte ich im Aussichtsbereich eben jenes Salonwagens der Transsibirischen Eisenbahn verbracht, irgendwo zwischen der Hafenstadt Perm und unserem Reiseziel, der Landeshauptstadt Moskau.

 

Ein wirklich schöner Aussichtswagen, sehr geschmackvoll, aber da es Nacht war, was bedeutete, dass es außer Dunkelheit nichts durch die Bleiverglasungen der großen Fenster zu sehen gab, beschäftigte ich mich stattdessen eben mit Trinken und mit zwei Spanierinnen, welche mir gegenüber offensichtlich nicht ganz abgeneigt zu sein schienen.

 

Einem Umstand, der sich allerdings schlagartig änderte, als ich, fast besinnungslos berauscht von Scotch, und dem wohl berauschendsten aller Rauschmittel überhaupt, dem Gefühl von einer schönen Frau begehrt zu werden, vorschlug meine Gemächer aufzusuchen, und sich einer ménage à trois hinzugeben.

 

Wutentbrannt verließen sie Hals über Kopf den Wagen, freilich nicht, ohne mir dabei wüste Beschimpfungen in ihrer Landessprache zuzurufen, worauf hin alle Anwesenden wie auf Kommando ihre Gespräche unterbrachen und mich, in der nun einsetzenden völligen Stille, mit einer Mischung aus Abscheu und Neugierde anstarrten.

 

Ich hatte es wohl wieder einmal übertrieben, und obgleich es mir herzlich egal war, was andere über mich dachten, so entschloss ich mich doch mein Glas zu ergreifen, und mich ebenfalls auf den Weg zu machen.

 

Hier war ich also, im Gang von Schlafwagen 2B, stolperte herum, drückte Türklinke auf Türklinke, hämmerte gegen die Türen, aber keine lies sich öffnen. „Seltsam“ dachte ich, denn ich erinnerte mich noch mit ziemlicher Sicherheit, dass ich mein Abteil unverschlossen hinterlassen hatte.

 

Es gab wirklich keinen Grund sich gerade hier um sein Hab und Gut zu sorgen. Die ursprünglich zur Ausbeutung sibirischer Bodenschätze, also als Ersatz für Pferdefuhrwerke und Lastkähne, erdachte Bahnstrecke zwischen Wladiwostok am Pazifik und unserem Fahrziel Moskau in Zentralrussland, war längst nicht mehr nur dem Güterverkehr vorbehalten, und für eine Reise in eben jenem Schlafwagen 2B musste man so tief in die Tasche greifen, dass sich wohl kein Dieb hierher verirren mochte.

 

Da, endlich lies sich eine Türe öffnen, und sofort drang schneidende Kälte durch den Türspalt. „Hast wohl ein Fenster offen gelassen, du Idiot“ dachte ich, nahm noch einen tiefen Schluck aus dem Whiskyglas in meiner Hand, machte einen Schritt ins Leere, und stürzte schreiend aus dem fahrenden Zug hinaus in die Nacht...

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